Message:

Security Code:

Name:

“Faust aus Tirana” oder “No network coverage” – Writer

“Faust aus Tirana” oder “No network coverage”

Categories: , Tag: Product ID: 1090

Description

Stefan Çapaliku

Übergangszeit… Che Guevara… Demokratie… Pluralismus… Redefreiheit… freier Markt… Blankoscheck… Die vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ. Also: Europa wessen, Europas wem, Europa wen, Margarete.

Margarete, Margret, Gretchen … Gre .. Gre … Sie ist weg. Es war nicht ihre Schuld. Sie war ganz allein. Interessant. Sie hat ihr Alleinsein bis zum Ende durchgehalten. Sie hat sich nicht aufgegeben. Nein.

Möglicherweise.

Keiner war bei ihrer Beerdigung. Außer dem Totengräber und mir. Ein paar Mal kam es mir so vor, als ob ich der Totengräber sei und der Totengräber ich. Ich fing mich aber wieder und merkte, dass ich ich war und er er, also der Totengräber. Ja, so war das.
Möglicherweise.

Dann… also dann geriet noch etwas durcheinander… Ich bin mir nicht sicher. Also, ich weiß immer noch nicht genau, ob ich dem Totengräber half, den Sarg in das tiefe schwarze Loch hinabzulassen. Oder er mir. Halfen wir uns vielleicht gegenseitig?

Möglicherweise.

Ja, natürlich. Dadurch, dass wir uns gegenseitig halfen, merkte ich, dass ich jemanden brauchte. Margarete konnte es nicht sein, dafür hatte ich den Totengräber. Aber weshalb brauchte der Totengräber mich? Das habe ich immer noch nicht begriffen. Vielleicht brauchte er eigentlich jemand anderen, und ich war bloß Ersatzmann… Der Ersatzmann, des Ersatzmanns, dem Ersatzmann,

Aber als der Sarg unten auf der Betonschicht auftraf, war ein Geräusch zu hören. Es dürfte ein menschlicher Seufzer gewesen sein. Ich hatte Angst, dem Totengräber in die Augen zu schauen. Ich hatte Angst, mir selber in die Augen zu schauen. Der Sarg war geschlossen. Darin lag die tote Margarete. Hatte vielleicht ich selbst das Geräusch verursacht?

Möglicherweise.

Wäre ich in dem Sarg gewesen, Margarete hätte es mit dem Totengräber allein kaum geschafft. Ich bin ja ganz schön schwer geworden… Sie hätten noch jemanden herbeigerufen und wären zu dritt gewesen. Drei andere und ich, wie wunderbar! Pythagoras. Omne trinum est perfectum. Zwei Paare also: Margarete samt mir, dazu der Totengräber und jemand anderes, wahrscheinlich ein Mann.

Ach, was ist das für eine Welt! Eine Welt der Erinnerungen. Alles, was geschieht, verwandelt sich sofort in Erinnerung.

Zum Beispiel kann ich mich noch sehr gut an den Tag erinnern, an dem Margarete und ich uns kennenlernten. Mephisto, mit dem ich mich gerade angefreundet hatte, machte uns bekannt. Das war am 9. November 1989, dem Tag, an dem die Berliner Mauer fiel. Wir waren beide halb verrückt vor Freude.

Eventuell kannte ich Margarete aber schon vorher.
Seit dem 4. Juni 1989. Wieso erinnere ich mich gerade an dieses Datum? Weshalb? Kann mir das jemand sagen?

Als es in Europa brodelte, hockte ich in meiner Wohnung und hoffte, dass auch hier ein Engel auftauchen würde, um gründlich durchzulüften, und plötzlich fand ich mich auf dem Tienanmen-Platz in Peking wieder.

Mir war, als sei ich der Student Wang Weilin.

Möglicherweise.

Auf jeden Fall hätte ich es sein können, der sich dem gewaltigen Panzer in den Weg stellte, mit zwei Fahnen in der Hand, um ihn in eine andere Richtung zu lenken. Als Einwinker sozusagen: Follow me! Irgendwo an der Straße Margarete, die mich

Aber ich kenne mich, deshalb denke ich manchmal, ich hätte auch der Panzerfahrer sein können, der es nicht fertigbrachte, Wang Weilins jugendlichen Leib zu zerquetschen.

Ich wusste also nicht genau, wer in diesem Fall der Held war, der junge Student oder der Panzerfahrer. Die Zeit verhalf mir nicht zur Lösung des Rätsels.

Blut und Gewalt, Waffen, ein wehrloses, schreiendes Volk. Kämpfe, Prügeleien, Knüppel, Maschinenpistolen und Verhaftungen… Wie viele? Man wird es

Die Sache war damals ziemlich einfach. Wir wollten nicht mehr in einer anderen Zeit leben. Wir fingen an, uns in unsere eigene Zeit zu verlieben. Wir waren untrennbar mit unserer Zeit verbunden. Wir wollten den Blick fest auf unsere Zeit gerichtet halten. Gemeinsam flehten wir zum Himmel:

Gebe, o Gott, dass wir in einer interessanten Epoche leben!

Es schien, als habe Gott uns diesen Wunsch erfüllt.

Wir betrieben unsere Projekte, jeder sein eigenes. Vielleicht kam der Seufzer, als der Sarg auf die Lage Beton unten im Grab traf, aus der noch warmen Seele meines verstorbenen Projekts.

Möglicherweise.

Mephisto war plötzlich verschwunden.

Wohin, bekam ich nicht mit. Aber ich schwöre, dass ich nie einen Pakt mit ihm eingegangen bin. Obwohl er mich mit Margarete bekannt machte. Obwohl er mir zur respektablen Position eines Universitätsprofessors verhalf. Obwohl er dafür sorgte, dass ich frei reden konnte, unter Freunden natürlich. Aber ich habe jede Vereinbarung mit ihm abgelehnt. Er war ein Spitzel, das wusste ich genau.

Ich war glücklich mit meiner Zeit, mit meinem ausgehenden Jahrhundert, mit dem absehbaren Ende des Scheusals. Ich war bereit, meiner Zeit die Rippen zu verschweißen. Ich war bereit, einer neuen Zeit zuliebe mein Jahrhundert von den Ketten zu befreien. Ich war bereit, den Zum ersten Mal am küsste ich Margarete 25. Dezember, am Weihnachtstag des Jahres 1989, also fast zwei Monate, oder sechs, nachdem wir uns kennengelernt hatten.

Als ich an diesem Abend nach Hause zurückkam, schaltete ich den Fernsehapparat ein und wurde Zeuge der Hinrichtung der Eheleute Ceaușescu. Sie taten mir leid. Es sah so aus, als habe sich dieses Ehepaar nie geküsst.

Ach, dieses Gedächtnis! O Gott, wie gut es mir ginge, wenn mein Gedächtnis lahm wäre. Der liebe Gott hat mich mit einem guten Gedächtnis bestraft.

Ich habe es satt, gebunden zu sein. An die Geschichte gebunden zu sein, ermüdet und deprimiert mich. Ich mag meine Geschichte nicht. Meine Geschichte ist mein Scheitern. Ich werde für meine Zeit eine Leichenfeier
veranstalten. Ich möchte sie mit der

Ahahahhaaahhhhaaaaaaahhhhaaaaaaaa, o mein armer Bruder. Ahahahhaaahhhhaaaaaaahhhh aaaaaaaa.

Mephisto! Ha, ha, ha, das ist wirklich der Gipfel. Na ja, gut so, sehr gut. Was wäre unsere Gesellschaft ohne Teufel? Wirklich toll. Aber egal… So ist es nun einmal. Wir haben es nicht in der Hand.

Warum fanden wir nicht gleich solche Worte, Marin. Ach Marin, Marin, erinnerst du dich, wie es am Anfang war?

Lieber Freund… Nein, nein …
So ist es besser: Hochgeschätzter Freund… Ich umarme dich mit Sehnsucht…

Es freut mich sehr… Ach, wie ich mich freue, dass du dich an mich erinnert und mir diesen wunderbaren Brief geschrieben hast. Ja, er ist wirklich

Weißt du was, Marin? Ich hatte ganz vergessen, dass es Briefe gibt. Man liest die Worte, die man einander zukommen lässt, ja schon lange vom Computerbildschirm ab, und wenn es an der Tür klopft, denkst du an alles, nur nicht an den Postboten. Du denkst an einen Bettler, an jemand aus dem Viertel, der dich für die Wahlen registrieren möchte, an einen Zeuge Jehovas, an den Nachbarn unter dir, der sich beschweren kommt, weil du zu laut warst oder vergessen hast, den Wasserhahn zuzudrehen. Man denkt an jedermann, aber nie, nie würde man auf den

So war das also: Es klopfte an der Tür, ich drückte am Türspion meine Nase platt, und was sah ich dahinter? Einen haarlosen, zahnlosen, bartlosen, taschenlosen und vor allem unbekannten kleinen Mann. Ich hatte große Zweifel, ob es gut ist, einem solchen Menschen die Tür zu öffnen. Also verhielt ich mich still und musterte ihn mit der Nase an der Tür sehr aufmerksam. Tatsächlich konnte ich nichts Verdächtiges an ihm entdecken, keine ausgebeulten Tasche, kein in Zementpapier eingeschlagenes Paket und auch sonst nichts, was zu einem

Während ich noch mit dem Analysieren beschäftigt war, drückte er neuerlich auf den Klingelknopf. Er schien mir sagen zu wollen: Lass diese sinnlosen Manöver, ich weiß genau, dass du da bist, ich habe dich beim Betreten des Hauses beobachtet. Also machte ich rasch auf, um ihm zu zeigen, dass ich sehr wohl anwesend und sogar genau hinter der verdammten Tür war, dass er sich also keineswegs geirrt hatte, dass dies jedoch einzig und allein meine Angelegenheit war und ihn nicht das Geringste anging.

»Sie wünschen?«, sagte ich zu ihm.

Sind Sie Doktor Faust?

Ja, in höchst eigener Person.

Herr oder Herr Doktor Faust, ich bin der Postbote Ihres Viertels und heiße Mephistopheles.

Oh, Herr Mephistopheles, Sie?!

Aber wir kennen uns doch… Sie sind jetzt Postbote?! Und sogar der Postbote meines Viertels?! Wie erfreulich! Ich habe Sie vermisst. Sie haben mir die ganze Zeit sehr gefehlt. Wissen Sie überhaupt, was mir in der Zwischenzeit alles passiert ist?

Ja, ich bin es, Mephisto persönlich, Ihr alter Freund. Und natürlich bin ich über alles im Bilde. Sie dürfen nicht glauben, ich hätte Sie vergessen. Nur, im Augenblick geht es vor allem darum, Ihnen dies hier zu übergeben.

Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte einen zugeklebten Umschlag hervor, auf dem mein Name und meine Adresse standen. Dann begann er vorzulesen.

An Doktor Faust, Straße der Mühsal 5.

Vielen Dank, sagte ich und verabschiedete mich mit einem schlechten Gewissen, weil ich ihm, meinem verlorenen Engel und einsamen Boten, dem edlen Ritter der modernen Zeiten, meinem Gefährten des Nachkommunismus, meinem Freund der Übergangsjahre nicht unverzüglich die Tür

Glaube mir, Marin, ich war furchtbar glücklich, erstens, weil ich einen Brief bekommen hatte, zweitens, dass es noch einen Postboten gab, und drittens, dass das Schreiben von dir stammte. Wirklich, sehr erfreulich!

Wir haben uns ja in den letzten Jahren ganz aus den Augen verloren, nicht wahr, Marin? Dabei warst du einer meiner ersten Studenten, als ich an der Universität anfing. Du wirst dich daran erinnern, wie du von deinem Platz hinten im Hörsaal aus immer wieder diese bohrenden Fragen stelltest, die jeden Professor in Schwierigkeiten bringen, vor allem aber einen Neuling. Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber wenn ich damals in ein Seminar ging, betete ich

Ja, mein lieber Marin, so war das! Du bist dann zurück in dein Heimatstädtchen gegangen, an diesen winzigen Ort weit weg von hier. Ich schaffte es nie, dich dort zu besuchen, weiß der Himmel, warum … Und so … Also …

Dann, als ich weiterlas, Marin, wurde ich richtig traurig. Es tat weh. Ich war so bekümmert, dass ich es tagelang vor mir her schob, deinen Brief zu beantworten.

Du hattest mir mitgeteilt, nach vielen gescheiterten Versuchen von dir und deiner Frau, euch mit ehrlicher Arbeit ein anständiges Leben aufzubauen, seiest du zu der Entscheidung gekommen, in die Politik zu gehen.

»Das ist die einzige Möglichkeit, die mir bleibt«,

In Ordnung, Marin, sehr schön! Du willst in deiner Stadt kandidieren. Wahrscheinlich gewinnst du sogar. Ziehst ins Parlament ein. Und, warum auch nicht, wenn deine Partei die Mehrheit bekommt, kannst du sogar Minister werden. Kulturminister zum

Beispiel. Das ist doch etwas, nicht wahr? Du kannst es schaffen, weil der… geographische Aspekt in der Politik gelegentlich eine große Rolle spielt. Du kannst also aus geographischen Gründen Minister werden.

»Herr Minister? Also, Seine Exzellenz, der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, hat den Wunsch, mit Ihnen zusammenzutreffen. Wann wären Sie frei?«

Siehst du?! Eines nicht mehr allzu fernen Tages wirst du dir also ein Wahlprogramm geben und einen Stab zusammenstellen. Dann geht es los. Sie bedrucken große und kleine Plakate mit deinem Abbild, Marin. Und nicht nur das, sondern auch Spruchbänder, Fähnchen, Mützen, Hemden, Kugelschreiber, Feuerzeuge,

Zuckertütchen für die Kaffeehäuser und alle möglichen anderen Dinge.

Sieh her, Marin! Ich habe gerade kein Bild von dir auf dem Computer, also nehmen wir stattdessen meines. Vielleicht freust du dich ja, mich wiederzusehen …

Das wäre eine Variante des Plakats. Es wird an Hausmauern, Brückengeländern, Bussen, Bahnhöfen, Krankenhäusern, Kindergärten, Altersheimen kleben. Du wirst populär sein, Marin, verstehst du, richtig populär.

Hier ist dein Wahlslogan: MIT MIR GEGEN NIEMAND!

Wenn die Plakate dann in der Stadt aufgehängt sind, werden die Wahlkreishelfer deines Rivalen allerdings dafür sorgen, dass sie noch in der gleichen Nacht zerfetzt und heruntergerissen werden. Alle!

Siehst du, Marin!

Hier haben sie dir die Nase gespalten, dort beide Augen ausgerissen, oder nur eines davon. Schau, hier hast du nur ein Ohr. Dort gar keine Ohren mehr. Keine Stirn. Auf diesem Plakat blutet deine Braue. Hier sind deine Lippen zerschnitten.

Du musst dir vorstellen, Marin, da hängt ein Ganzkörperfoto von dir, und sie fangen an, von oben nach unten Gliedmaßen und Organe zu entfernen, bis hin zu den unschuldigsten …

Und damit ist es ja noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, es hat erst angefangen … Wenn du abends todmüde und zerschlagen nach Hause zurückkommst, wo deine Frau und deine Kinder geduldig warten, siehst du dich ihren verstörten Gesichtern gegenüber, ihren entsetzten Blicken aus weit aufgerissenen Augen. Diese Menschen, die dich am meisten lieben, die dir näher stehen als jeder andere, haben gerade aus dem Fernsehen erfahren, dass du, ihr Ehemann und Vater, ein Gauner bist, und sogar ein großer Gauner.

Verstehst du, Marin? Aus einem idealen Gatten und vorbildlichen Vater wird im Handumdrehen ein Gangster, ein gewöhnlicher Bandit und Räuber. Und du kannst überhaupt nichts dagegen tun, schließlich hat man deinen Kindern die ganze Zeit über eingeredet, das Fernsehen zeige die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Wieder einmal kommst du spät abends nach Hause. Die Kinder schlafen schon, aber deine Frau ist noch wach. Wütend wartet sie auf dich. Du entdeckst den Zorn in ihren Augen gleich, wenn du die

Ach Marin, du weißt ja, der schreckliche Zorn der Frauen. Sie hält eine der Boulevardzeitschriften in der Hand, die während Wahlkämpfen Hochkonjunktur haben. Auf dem Titelblatt bist du mit einer prallen Schönheit auf dem Schoß zu sehen, und unter dem Foto steht in dicken Lettern:

»Das geheime Liebesleben des Marin Sopi!
Erfahren Sie mehr auf den Seiten 20-27.« Deine Frau, die von Photoshop und anderen Bildbearbeitungsprogrammen nichts weiß, hat das Ganze verständlicherweise für bare Münze genommen. Sie fackelt nicht lange und verlangt in kurzen, klaren und elfmeterscharfen Worten die Scheidung.

Die Scheidung, der Scheidung, der Scheidung, die Scheidung. Mit dem stolzen Hahn ist es aus, und du merkst, dass der Kamm dir wie ein alter Filzlappen über das Auge gerutscht ist.

Du begreifst nicht, was passiert ist, und je mehr du nachdenkst, desto rätselhafter wird dir alles. Allerdings hörst du, wie aus dem dunklen Winkel deines Leibs, in dem die träge, faule Seele wohnt, eine so dubiose wie alberne Tenorstimme dir zurufst, du seiest immerhin noch jung und könntest noch einmal von vorne anfangen.

Das hörst du gerne, auch wenn du nicht wirklich an diesen Blödsinn glaubst. Kein Mann ist jung, den man im Dreck hat sitzen lassen. Die Luft ist heraus aus deinem Leben… Genug, es reicht! Ein Held stirbt in den Stiefeln! Du, ein Held? Das ist das Letzte! Also, wenn schon nicht wie ein Held, dann wie ein Pferd. Ein tüchtiges Pferd stirbt im Geschirr. Durchhalten! Das gefällt dir. Das erinnert dich an die Liebe.

Erst spürst du, wie deine Beine verfaulen, dann kommen das Gehirn, die Lungen an die Reihe, und schließlich… Wie jeden anderen Menschen erwarten sie auch dich mit einem Lächeln: der Sarg und sieben Rosen. Künstliche Blumen auf dem Grab. Gute Wünsche und vielen Dank für alles!

Es reicht jetzt, Marin, hör auf mit dem Unsinn! Kehr einfach um …

Kehre zurück zu deinen täglichen zehn Verrichtungen, zur glücklichen Routine:

– Wasch dir das Gesicht und kämme dir die Haare.
– Genieße deinen Morgenkaffee.
– Befreie dein Auto vom Staub der Nacht.
– Vögle die erste weibliche Person, die dir über den Weg läuft, mit den Augen.
– Öffne den Kühlschrank und schlag dir den Bauch voll.
– Halte dein Mittagsschläfchen.
– Genieße deinen Nachmittagskaffee.
– Zappe dich durch die Kanäle.
– Träume mit offenen Augen.
– Gähne laut mit weit aufgerissenem Mund.

Los schon! Versuch es, Marin…
Weil… weil das Leben… das ist, was sich abspielt, während du Pläne schmiedest.

Hahaha, du bist also immer noch dieser unverbesserliche Romantiker… Hahahaaa, das passiert immer, wenn du an dich selbst schreibst: No network coverage! No coverage … Hahaha. Der Prinz aus dem Märchen… Hahahaaa.

Margarete? Bist du es? Das kann doch nicht sein…

Ich schreibe nicht an mich selbst. Das ist nicht wahr, meine Liebe. Ich schreibe an… einen Freund. Vielleicht nicht wirklich einen Freund. An einen meiner ehemaligen Studenten. Du kanntest Marin, nicht wahr? Diesen dürren Jungen mit dem riesigen Adamsapfel an einem kaum vorhandenen Hals. Marin

Nein, es stimmt nicht, was du behauptest. Er steht mir nicht nahe. Gar nichts verbindet mich mit ihm.

Was ist er schon? Ein junger Schnösel aus der Provinz, der zu allem bereit ist, der jede Demütigung, jede Erpressung hinnimmt. Ein Hinterwäldler mit einem bescheidenen Ego, das ihn alles mitmachen lässt. Einer, von denen, die nichts zu verlieren haben. Ein mediokrer kleiner Scharlatan, der wahrscheinlich euch ein bisschen gespitzelt hat. Du weißt, was ich meine, Margarita: Er hat keinen großen Schaden angerichtet. Oder besser gesagt, er hat bloß eine Menge kleiner Schäden angerichtet. Nichts wirklich Schlimmes.

Und, nur damit du es weißt, ich bin nicht aus dem Netzwerk gerutscht. Ich habe volle Abdeckung. Full coverage. Möglicherweise.

Blödsinn. Weißt du, Margarete, wir leben in einer blödsinnigen Zeit, das ist alles. Wie du weißt, sind alle Ideen gut, außer den schlechten. Weißt du, was ich in dieser Zeit gelernt habe? Dass Ideen nur dann schlecht sind, wenn man sie nicht realisieren kann. Leider, fürchte ich, werden auch die schlecht, die den Kopf voller nicht realisierter Ideen haben. Auch wenn sie Ich bin ein ganzer Ideenfriedhof.

Möglicherweise.

Inzwischen brauche ich keinen richtig guten Grund mehr, um zu leben. Ich brauche einen richtig guten Grund, um zu sterben. Leider finde ich keinen. Kannst du mir vielleicht helfen?

He, Margarete, ich rede mit dir!

Schweigen, nichts als Schweigen… Niemand hilft dir dabei. Ich kenne auch den Grund, leider. Deshalb sind wir so… Wir alle… Alle schieben wir das Sterben hinaus. Uns ist nicht daran gelegen. Aber ich werde es tun. Ich habe diese

Wir hätten von hier weggehen können, als wir merkten, dass aus den Hirten Anführer des Wolfsrudel wurden. Wie töricht, dass wir in ihnen Hüter der Schafe, Lämmer und Hammel sahen.

Was hielt uns hier? Das weiß niemand mehr. Aus der Bronze der alten Waffen wurden Kriegerdenkmäler gegossen. Ich fürchte, jetzt ist nichts mehr davon mehr übrig, jedenfalls für uns, die wir keine Gewehre tragen. Uns wird man keine Denkmäler setzen, darauf sollten wir uns

Wenn wir schon bei Denkmälern sind: Ich gehe wohl von dieser Welt, ohne eine Antwort auf die interessante Frage zu haben, ob wir am 20. Februar 1991 das Enver-Hoxha-Denkmal wirklich selbst stürzten, oder ob jemand in der Nacht davor die Bolzen lockerte, um uns die Arbeit zu erleichtern. Wenn es so war, dann hatten wir teuer dafür zu bezahlen …

Ach, meine Liebe, inzwischen ist es fast eine Schande, wenn wir sagen, was wir zu erleiden hatten. Ich auf jeden Fall schäme mich sehr. Und ich habe Angst davor, dass mir plötzlich jemand die schreckliche, unbeantwortbare Frage um die Ohren schlägt:

Wie habt ihr das ertragen? Wie konntet ihr das aushalten?

Er fragt mich, mein neuer Freund, und ich weiß keine Antwort. Ich weiß nicht, warum… Aber mir klingen die Ohren von dem, was in seiner Frage mitschwingt: »Seid ihr denn Vieh?« Nein, das war und bin ich nicht. Und ich tue alles, um es zu beweisen.

Margarete, du wahrtest Die Ordnung der Dinge.

Die Wolke blieb unten und das Wasser über den Dächern, Die Gläser, die Stühle, die Sonnenblumen in ihren Muschelvasen, Alles, was zu einer schlampig hingeworfenen Landschaft gehört.

Als du kamst, war kein Blick mehr auf die Dinge. Du ließt den Duft wilder Kastanien zurück, Den Himmel über dem Fensterbrett, Eine Gänsefeder, die der Wind schwindelig machte, Und andere Kleinigkeiten, so fein wie deine Dinge, die gemächlich und in Frieden gingen…

Du warst das einzige Zeichen, das der verrückte Himmel der Zeit uns gab. Unsere Epoche wollte, dass du gingst, ohne ihr närrisches Treiben zu stören.

Kein Lied war vollendet genug, um deine Schönheit zu besingen. Vielleicht zauderte ich zu viel, Vielleicht fehlte mir die Kraft, Vielleicht auch das Können. Sicher ist nur, Du gingst ohne Lied.

Aber ich schwöre:

Erstens, Mephisto öffne ich nicht mehr die Tür, wie immer er auch gekleidet ist, was immer unter seinem Jackett versteckt sein mag.
Zweitens, ich hatte nichts mit deinem Tod zu tun, Margarete, und werde alles tun, um es zu beweisen.

Drittens, ich bin bereit, für diese beiden Versprechen zu sterben, wenn ich nur einen guten Grund dafür finde. Was außer dem Tod könnte die nach uns Kommenden daran hindern, uns schuldig zu sprechen.

Schon wieder Mephisto… Ha, ha, ha. Er ist inzwischen meine einzige Verbindung zur Welt, aber trotzdem mache ich ihm die Tür nicht mehr auf. Nie mehr.

13. September 2010, 16:02 Uhr. Nachrichten. Der bekannte albanische Filmschauspieler Llazi Serbo ist heute Vormittag verstorben. Ein Kollege fand ihn tot in dem Appartement auf, das er alleine bewohnte. Die Polizei führt sein Ableben auf Selbstmord mit einer Jagdwaffe zurück, die der Schauspieler in Llazi Serbo war 62 Jahre alt und litt seit einiger Zeit unter Depressionen.

Im vergangenen Jahr wurde ihm die „Ehrenmedaille des Bezirks Korça“ verliehen, und bereits seit einiger Zeit trug er den Titel „Verdienter Künstler“. Am Beginn der Schauspielerkarriere von Llazi Serbo stand das Drama „Der dunkle Fleck“.

Der große Künstler hat auf der Bühne und auf der Leinwand rund 100 Rollen verkörpert.

27. April 2012, 17:46 Uhr. Nachrichten. Ardian Klosi hat Selbstmord begangen. Abschiedsbotschaft an seine Frau: Ich kann nicht mehr! Der bekannte Publizist Ardian Klosi hat seinem Leben im Alter von fünfundfünfzig Jahren durch Erhängen ein Ende gesetzt. In den späten Nachtstunden wurde Klosi tot in seinem Haus aufgefunden. Wiederbelebungsversuche dem fatalen Schritt eine Textbotschaft auf das Handy gesandt.

10. März 2013, 20:45 Uhr. Nachrichten. Der Architekt Agron Jano nimmt sich das Leben. Der Vorsitzende des Architektenverbandes, Agron Jano, hat im Alter von neunundfünfzig Jahren seinem Leben eine Ende gesetzt, indem er sich aus dem dritten Stockwerk des Wohnblocks in Tirana stürzte, in dem er wohnte. Das Ereignis fand am Samstagabend gegen 20:45 Uhr statt.

Das Geschehen vollzog sich innerhalb weniger Sekunden. Der Neunundfünfzigjähre schlug auf einem Absatz auf der rechten Seite des Gebäudes auf und war sofort tot.

Es wird vermutet, dass der Selbstmord in einer psychischen Ausnahmesituation

Ahahahahahahahaaaaaahhhhaaaaaa! Oh, mein armer Bruder. Ahahaha hahahahaaaaaahhhha aaaaa!

Am nächsten Tag melden sich ihre Freunde zu Wort und verbreiten allen möglichen Unsinn.

Ihre angeblichen Freunde.

Die Leute, die gerade dringend etwas zu tun hatten und deshalb nicht da waren, als es darum gegangen wäre, die Verzweiflungstat zu verhindern.

Die ihre ganze beschissene Dichtkunst aufbieten, um in den Zeitungen schöne und schmerz… li… che Gedenkworte aneinanderzureihen.

„Er war eine außerordentliche Persönlichkeit, ein ungewöhnlicher Mensch, ein guter Freund. Bei allen, die ihn kennenlernen durften, hinterließ er einen unauslöschlichen Eindruck. Wenn man ihn zum Freund hatte, wurde man Zeuge eines Lebens, das dem Streben nach Wahrheit gewidmet war.“

„Er wird der albanischen Gesellschaft sehr lange fehlen, zumal er die Verbindung des zukünftigen Albanien mit den Idealen der nationalen Wiedergeburt verkörperte.“

„Die Nachricht von seinem Tod ist schmerzlich für jeden Albaner, wo immer er auch

„Heute Nacht ging ein teurer Freund, eine vorzügliche Persönlichkeit dieses Landes, die sich mit Vulgarität abfinden wollte.“

„Unsere Partei empfindet tiefen Schmerz über das tragische Ableben dieses hellsichtigen Menschen und guten Albaners. Das freie Wort, die Zivilgesellschaft und die zeitgenössische Kultur in unserem Land haben einen schweren Verlust zu Verstehst du, Margarete? Durchschaust du diese ganze Komödie? He, Gretchen, hörst du mich?!!! Mein Gretchen…

Begreifst du jetzt… Egal, wie die Komödie abläuft, der letzte Akt ist immer blutig!

Verstehst du? Du hast gut daran getan, dich aus dieser Welt so früh in eine andere zu verabschieden.

Das Land hier verdient uns nicht, aber es wird auf diesem Planeten auch
nichts besser, wenn wir weggehen.

Nach unserem ach so heroischen Abschied geht alles weiter wie zuvor. Keine Chance, dass wir als Vorbild dienen. Sie setzen ihre beschwingte
Routine einfach fort. Immer nach ihren beschissenen zehn Geboten:

– Sie waschen sich das Gesicht und kämmen sich die Haare.
– Sie genießen ihren Morgenkaffee.
– Sie befreien ihre Autos vom Staub der Nacht.
– Sie vögeln die erste weibliche Person, die ihnen über den Weg läuft, mit den Augen.
– Sie öffnen den Kühlschranktür und schlagen sich Bauch voll.
– Sie halten ihr Mittagsschläfchen.
– Sie genieße ihren Nachmittagskaffee.
– Sie zappen zwischen den Kanälen hin und her.
– Sie träumen mit offenen Augen.
– Sie gähnen laut mit weit aufgerissenem Mund.

Damit hat es sich dann. Kein

Funken von Zweifel. Keine Gewissensbisse. Und wahrscheinlich ist noch viel bedeutungsloser, was sie treiben.

Ich für meinen Teil will weder hier noch dort sein, weder dort noch hier…

Das ist das Einzige, das ich sicher weiß: Dass ich nicht hier sein will und, um Gottes Willen, nicht dort…

Reviews

There are no reviews yet.

Be the first to review ““Faust aus Tirana” oder “No network coverage””

Your email address will not be published. Required fields are marked *